Dass ein offener Jugendtreff polarisiert ist vermutlich normal. Eine Kirchenvorsteherin findet in einem Brief klare Worte:
"Die Jugendlichen, die seit Februar fast täglich in den Räumen der Anna-Kirche sind. Es ist Leben in der Bude! Warum diese jungen Menschen ausgerechnet bei uns gelandet sind, liegt wahrscheinlich daran, dass Ivena, Wolfram und auch Katja signalisiert haben, dass unsere
Türen offen sind – Gott sei Dank!
Wir können davon ausgehen, dass diese Kinder und Jugendlichen keinen Grund haben, Erwachsenen noch zu vertrauen, und trotzdem sind sie da. Jeder von ihnen hat seine Geschichte, sein persönliches Drama und was sie wahrscheinlich alle eint, dass sie keinen Rückhalt in ihren Familien finden. Sie sind hungrig, Tag für Tag. Kaum zu glauben in unserer reichen Welt. Sie sind auf der Suche nach Halt, Orientierung und einem Platz, wo sie angenommen sind. Es ist klar, dass das alles nicht so einfach ist.
Es wäre ein amerikanischer, kitschiger Weihnachtsfilm, wenn das alles demütige, stille, manierliche und vor allem über die maßen dankbare Kinder und Jugendliche wären, die wir im Handumdrehen retten könnten. Was tun bleibt die Frage. Um Antworten in meinem Leben zu finden, frage ich mich immer
WWJD – also: what would Jesus do? Was würde Jesus tun? Ich bin mir absolut sicher, er würde sie nicht wegschicken. Er würde ihren Hunger stillen und
sich mit ihnen auseinandersetzen. Und genau das sind unsere Aufgaben. Noch deutlicher werden wir unsere Aufträge als Gemeinde nicht bekommen. In der Auseinandersetzung mit diesem Thema finde ich es wichtig, dass Kritik erlaubt ist. Keiner sollte schief angeschaut werden, weil ihn etwas stört. Probleme sollten offen angesprochen werden können. Aber bitte lasst uns Christi Nachfolge leben. Wenn jeder von uns einmal im Monat ein Essen spenden würde, und wenn es nur ein großer Laib Brot mit Wurst und Käse ist, ist schon an vielen Tagen des Monats der körperliche Hunger gestillt. Es gibt viel, was wir tun können. Katja braucht unsere Unterstützung. Sie investiert viel Zeit und sollte das nicht allein schultern müssen. Für die Schwierigkeiten und Ärgernisse werden wir Lösungen finden. Ich bin gerne bereit, mit anzupacken."
Barbara Obermayer
Bild: "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes", Gemälde von Rembrandt, vgl.: Lk 15,11-32
